Ich krieg die Krise!

Ich krieg die Krise!

Am Beispiel des Austritts Englands aus der EU lässt sich gut nachvollziehen, wie Krisen im Leben eines Menschen verlaufen.

Zunächst definiere ich Krise wie folgt:

Eine Krise ist ein Prozess in 5 Phasen, bei der nach dem Verlust einer alten Identität, eine neue Identität auf einem höheren Bewusstseinsniveau gefunden wird.

Beispiele dafür sind:

  • Single (alte Identität) -> verheiratet (neue Identität)
  • Ehepaar (alte Identität) -> Familie (neue Identität)
  • Linzerin (alte Identität) -> Wienerin (neue Identität)
  • Verheiratet alte Identität) -> Witwe (neue Identität)
  • Gesund (alte Identität) -> Krank (neue Identität)
  • Mitgliedsstaat der EU (alte Identität) -> nicht mehr EU-Mitgliedsstaat (neue Identität)

Wichtig, zu wissen:

  1. Eine Krise ist kein punktuelles Ereignis, eine Krise ist ein Prozess: Diese Tatsache wird oft vergessen. Schwere Verluste dauern 1-2 Jahre, Scheidungen in etwa. Auch die Trauerzeit bei Verlust eines Menschen durch Tod ist häufig zwei Jahre. In unserer schnelllebigen Zeit sind wird geneigt, nach einem Verlust rasch zum Alltagsgeschehen über zu gehen. Wir vergessen, dass die wirkliche Verarbeitung eines Verlusts Zeit braucht.
  2. Krisen sind normal: Auch das ist uns oft nicht bewusst. Jeder will Krisen vermeiden, ein Leben ohne Krisen leben. Dabei verleugnen wir, dass Krisen zum Leben gehören. Auch gibt es normative Krisen, die beinah jeden Menschen im Leben treffen. Diese sind z.B. Pubertät, Erwachsenwerden, Wechseljahre, Krankheit, Tod.
  3. Es gibt positive Krisen: Positive Krisen können der Auszug aus dem Elternhaus, das Ende des Hausbaus, ein Umzug, die Pensionierung, ein Schulabschluss, ein Arbeitsplatzwechsel usw. sein. Auch sie durchlaufen die selben Phasen wie belastende Lebensereignisse.
  4. Resilienz statt Resistenz: Es ist aus meiner Sicht wichtig, auf Krisen gut vorbereitet zu sein und aus vergangenen Krisen etwas gelernt zu haben. Wenn wir Krisen bereits gut bestanden haben, sind wir resilient und wenden das, was uns bereits einmal geholfen hat, erneut an. Freuen wir uns nicht, dass wir noch nie im Leben eine Krise hatten, freuen wir uns lieber, zu wissen, wer, was und welcher Ort uns bereits in einer Krise geholfen hat und greifen wir in Krisen darauf zurück. Lies hier mehr zur Resilienz.
  5. Nicht jede Krise ist traumatisch: Eine Krise wird erst dann traumatisch, wenn die Belastungen hoch sind und die Bewältigungsmechanismen fehlen bzw. vom Betroffenen nicht genützt werden können. Krisen können auch dann traumatisch werden, wenn sie sich häufen und die Verarbeitungszeit für jeden einzelnen Verlust fehlt. Hier ist professionelle Hilfe wichtig!
  6. Psychologische Hilfe ist auch für ganz normale Menschen in ganz normalen Krisen: Mann oder Frau braucht nicht erst psychisch krank zu sein, um sich eine Beratung zu gönnen. Es reichen Krisen aus. Jede Krise ist es würdig, sich Unterstützung zu holen. Klar kommen wir oft ohne Psychologin aus, aber es muss ja nicht sein. Es gibt Menschen, die sich erlauben, nicht alles immer alleine schaffen zu müssen.
  7. Jede Krise, egal wie klein oder groß, durchläuft fünf Phasen, die wiederkehren können.
    • Schock – Verleugnung, Starre, keine Gefühle -> in Bewegung kommen! Reden.
    • Handeln – Verleugnung, Versuch, den alten Zustand wieder herzustellen -> in den Körper und zu den Gefühlen finden. Weinen.
    • Emotionen – Trauer, Wut, Angst, Erleichterung, … -> Schuldgefühle sind oft schuld daran, im Opferstatus hängen zu bleiben. Sich verzeihen.
    • Akzeptanz – der Verlust wird angenommen –> Versuch, das Gute und den Sinn darin zu finden.
    • Neubeginn – die neue Identität auf einem höheren Bewusstseinsniveau ist gefunden. Ein persönliches Wachstum ist geschehen. Sinnfrage ist beantwortet.

Auch der Brexit dauerte seine Zeit, es gab viel zu tun, es war emotional und es wird sich etwas Neues finden, das jetzt noch nicht gefunden ist. Vermutlich beginnt jetzt erst nach dem Austritt die echte Verarbeitung der Krise, die mit dem Schock beginnt usw.

Die einzelnen Phasen dauern Minuten, Stunden, Wochen, Monate, Jahre, je nach dem wie persönlich bedeutsam der Verlust war, wie rasch jemand auf Ressourcen zurückgreifen kann und wie oft jemand bereits Krisen erfolgreich bewältigt hat.

Es gibt freilich andere Krisenmodelle, wie z.B. jedes von Verena Kast oder Elisabeth Kübler-Ross. Mich spricht dieses von Karen Horney an.

 

 

 

 

 

 

 

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