Die Corona-Krise – eine psychologische Betrachtung

Die Corona-Krise – eine psychologische Betrachtung

Jede Krise bedeutet ein Identitätsverlust und durchläuft mehrere Phasen, bis die neue Identität idealerweise auf einem höheren Bewusstseinsniveau erreicht ist.

Jeder Mensch durchläuft die Phasen der Krise in unterschiedlichem Tempo und unterschiedlich intensiv. Das hängt davon ab, wie resilient ein Mensch ist und wie bedeutsam der Verlust für ihn ist.

Um diese unterschiedlichen Verhaltensweisen von Menschen in einer Krise besser verstehen zu können, kann man sich an den Phasen orientieren. Die 5 Stufen lassen sich auch in der Coronakrise gut beobachten: Auf YouTube erkläre ich die folgenden 5 Stufen.

1. Stufe – Schock: Menschen sind in einer Art Starre. Sie “funktionieren” emotionslos weiter. Noch haben sie nichts realisiert. Viele Menschen verhalten sich, als sei nichts geschehen, was für all jene, die schneller im Realisieren sind, oft unverständlich ist. Komm in Bewegung! Tu was! Informieren, aufklären, TV-Beiträge anschauen,..hilft, um selbst und andere aus der Starre zu verhelfen.

2. Stufe – Handeln/Agieren: Menschen versuchen unbewusst oder auch bewusst, den Urzustand herzustellen, den Verlust der alten Identität zu verhindern. Man sucht nach Lösungen, Rettungsversuchen, Impfstoffen, postet Schilder, Sprüche, Gedanken, Bilder, Witze, Filme. Menschen informieren sich, teilweise zu viel, zu lang, zu oft und zu breit. Was man nicht alles Gutes machen kann, wenn man zu Hause bleiben muss, steht nun an der Tagesordnung. Tipps für die Kindererziehung findet man ebenso, wie Anregungen für die Freizeit und die Tagesstruktur. Noch sind Menschen in dieser Stufe nicht am Betrauern der alten Identität. Noch sind wir hier im Verleugnen, im Nicht-Wahr-Haben-Wollen und Können.

Auch wenn ich jetzt hier einen Beitrag auf die Homepage stelle, bin ich am Handeln, am Tun. Es ist ein Rettungsversuch. Dieser Rettungsversuch hat sein Gutes. Nur manchmal übersieht man dabei etwas Wesentliches: die Emotionen. Manche Menschen überspringen diese wichtige Stufe. Sie meinen, bereits alles verarbeitet und realisiert zu haben. Auch höre ich Aussagen, die eindeutig dem Neubeginn zuzuordnen sind, aber noch nicht der Neubeginn sind. Ja, es ist gut, auf den Neubeginn zu vertrauen, aber ich möchte die Stufe des Handelns nicht mit der Stufe des Neubeginns verwechselt wissen. Ja, alles hat seinen Sinn und sein Gutes und doch sind wir noch nicht so weit.

3. Stufe – Emotionen: Um wirklich gut durch eine Krise durchgehen zu können, braucht es die Emotionen. Zumindest ein leichtes Bedauern, eine leise Befürchtung, einen sanften Ärger über das, was grad passiert, ist hier angebracht. Lassen Sie sich berühren! Erst in dieser Stufe begehen wir den eigentlichen Trauerprozess, den Abschiedsprozess, den Verarbeitungsprozess in Richtung neue Identität. Hier gilt es die Emotionen auszuhalten, sie zu erlauben und sich Hilfe zu holen, wenn sie doch zu stark werden. Für Menschen, die von ihren Emotionen abgeschnitten sind, es gewohnt sind, nicht zu weinen, noch nie Krisen erlebt haben, kann es bedrohlich sein, plötzlich Emotionen zu fühlen. Emotionen brauchen, von uns erkannt zu sein. Ärger, Wut, Angst, Trauer, Erleichterung, Schuld, Freude, Hoffnung, Zuversicht, Verzweiflung sind einige, die durchaus abwechselnd und gleichzeitig auftreten können.

4. Stufe – Akzeptanz: Erst in dieser Stufe sagen Menschen in einer Krise ja zur neuen Situation. Der Anpassungsprozess hat stattgefunden. Die Umstellung auf eine neue Situation. Die alte Identität ist nun losgelassen, verabschiedet und betrauert. Jetzt erst realisieren Menschen, dass es so ist wie es ist und dass sie wirklich 1 Meter Abstand halten müssen. Langsam kann man sich damit auseinandersetzen, was die Krise für einen Nutzen und Gewinn hat. Allmählich erkennen wir das Gute in der Krise und wachsen daraus. Erst das persönliche Wachstum nach einer bestandenen Krise macht einen Menschen resilient. (Dr. Barbara Juen)

5. Stufe – Neubeginn: In dieser Stufe entsteht nun etwas, woran man im Leben zuvor nie gedacht hätte. In kleinem Maße konnten wir das bereits beobachten, wenn Menschen auf den Balkonen musizierten, neue Wege zu kommunizieren nützen usw. Im großen und ganzen aber sind wir da noch nicht gelandet. Noch wissen wir nicht, was die Krise uns wirklich bringen wird. Vermutungen gibt es natürlich, aber wissen tun wir es nicht. Was wir tun können, ist darauf zu vertrauen.

Krisentool zum Grounding nach Dr. Barbara Juen:

54321 ist ein Tipp zum sog. Grounding, das man bei traumatischen Ereignissen anwendet.
Grounding bedeutet, sich zu erden, sich im Hier und Jetzt zu verankern, da die Zukunft nur Angst macht und die Vergangenheit bereits vorbei ist.
Erdung bedeutet, nicht dem Baum im Sturm in die Krone zu schauen, sondern auf dessen Wurzeln.

Übung zum 54321:

Setz dich hin oder bewege dich im Raum oder in der Natur. Lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Lass ihn frei fließen.
Dann:
1. Benenne 5 Dinge, die du siehst.
2. Benenne 4 Dinge, die du hörst.
3. Benenne 3 Dinge, die du körperlich spürst.
4. Benenne 2 Dinge, die du riechst.
5. Benenne 1 Ding, das du schmeckst.

Wiederhole, bzw. be-Sinne dich immer wieder auf deine Sinne.

Mit dieser Übung aktivieren unsere 5 Sinne. Das Sehen, das Hören, das Fühlen, das Riechen und das Schmecken. Sinne bringen uns den Sinn im Leben!

In diesem Sinn wünsche ich uns viele sinnliche Erfahrungen mit uns selbst, solange wir diese mit anderen Menschen vermeiden sollen.

 

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