Auf engstem Raum….Deeskalationsmaßnahmen für Familien

Auf engstem Raum….Deeskalationsmaßnahmen für Familien

Wenn Familien so wie in der Corona-Krise über längere Zeit auf engstem Raum zusammenleben müssen, kann Stress entstehen. Auch ohne Corona gibt es Familien, die streiten und gewaltsam handeln, um die Kontrolle über andere Familienmitglieder zu behalten. Im Kleinen kennen wir diese Situationen, wenn eine Familie wegen Regenwetters tagelang in einem Wohnmobil verharren muss. Manchen Eltern spüren den Stress bereits gegen Ende der Sommerferien und denken: “Wann geht endlich die Schule wieder los!”

Warum ist aufgrund der Corona-Krise das Risiko für Konflikte und Eskalationen in Familien erhöht?

  • Jede/r ist in einer Krise.
  • Niemand weiß, wie lange die Krise dauert.
  • Jede/r hat mehr oder weniger Angst um seine/ihre Existenz und die Folgen danach.
  • Soziale Außenkontakte sollen verhindert werden (Großeltern, Freunde) und beschränken sich somit auf die Kernfamilie.
  • Unsicherheit, wie und ob die schulischen Leistungen aufrechterhalten werden können.
  • Überforderung aufgrund des entstandene Lehrauftrags für die Eltern.
  • Große Veränderungen in der Alltagsroutine (Vater arbeitet weniger oder nicht, Mutter arbeitet von zu Hause aus, gewohnte Bezugspersonen, Pflegekräfte und andere Hilfskräfte fallen weg).
  • Trennungen von Bezugspersonen (ein Elternteil oder Großeltern,.. dürfen nicht besucht werden)

Was können Sie tun, damit es erst gar nicht zu (so vielen) Konflikten kommt? Wie können Sie bei Konflikten de-eskalierend wirken?

  1. Wo ist Ihr sicherer Ort? Finden Sie für sich und ihre Kinder einen sog. “sicheren Ort”. Besprechen Sie, wo dieser für jeden ist. Dies sollte ein Ort sein, den jedes Mitglied jederzeit alleine aufsuchen kann. (Kleinkinder ausgenommen, eh klar!) Sorgen Sie dafür, dass dieser sichere Ort gemütlich, warm, kuschelig und sicher ist. Entweder ist dieser Ort absperrbar oder mit “Bitte nicht stören-Schild!” zu versehen. Der sichere Ort kann das Kinderzimmer sein, ein Sofa, das Bett, ein Sessel. Jedes Familienmitglied muss den sicheren Ort des anderen respektieren, also fragen, bevor man ihn benützt. In manchen Familien ist das WC das einzige stille und ungestörte Örtchen. So soll es nicht sein.
  2. Schutz-Regel vereinbaren: Vereinbaren Sie, dass jederzeit sich jedes Mitglied auf diesen sicheren Ort zurückziehen kann und darf, wenn er oder sie sich verletzt fühlt, nicht gut drauf ist, gereizt ist, Angst hat oder wütend ist. Niemand braucht sich beschimpfen, abwerten, bedrohen, bedrängen, erpressen usw. lassen. All die genannten Begriffe sind bereits Formen von Gewalt. Niemand braucht Gewalt erdulden! Als Kind sind wir vielleicht still und starr dagesessen und haben gewartet, bis das Donnerwetter der Eltern vorbei war. Das braucht nicht zu sein. Jeder, der leidet, darf aufstehen und gehen! Jede die leidet, darf aufstehen und gehen! Nützen Sie den sicheren Ort auch dazu, um sich zu sammeln, in sich zu gehen, kreativ zu sein, zu entspannen, einem Hobby ungestört nachgehen zu können.
  3. In Emotionen wurde noch nie ein Konflikt gelöst: Darum besprechen Sie das Konfliktthema erst wieder, wenn sich alle beteiligten beruhigt haben. Notieren Sie sich ggf. Ihr Anliegen für den Jour-Fix.
  4. Bauchatmung: Atmen Sie tief in Ihren Bauch ein und aus, wenn jemand etwas sagt, was Sie unmöglich, verletzend, unlogisch usw. finden. Mit der Bauchatmung regulieren Sie Ihre Emotionen.
  5. Jour-Fix: Vereinbaren Sie so wie in Firmen auch einen regelmäßigen Jour-Fix, einen Termin, an dem alle zusammenkommen und Themen besprechen. Beschränken Sie diese Besprechung zeitlich (nicht zu lange) und beginnen Sie mit angenehmen Themen.
  6. Redestein: Lassen Sie beim Sprechen einen Stein herumgehen. Der oder die die den Stein in den Händen hält, spricht, alle anderen hören zu. Vereinbaren Sie diese Regel bevor Sie mit dem Redestein beginnen. Sobald sich wer nicht an die Regel hält, darf man abbrechen oder aussteigen. Nicht zu streng am Anfang sein, es braucht etwas Übung!
  7. Stundenplan: Ihr Kind/Jugendliche/r soll sich an den gleichen Stundenplan halten, wie in der Schule auch. Evtl. alles um eine Stunde zeitversetzt, weil länger schlafen vielleicht für alle angenehm ist. Das gleiche gilt für Studierende.
  8. Rituale geben Sicherheit: In einer Zeit wie Corona, fehlt Sicherheit. Rituale sind wiederkehrende Situationen. Alles Wiederkehrende gibt Sicherheit. Deshalb sind Rituale in Krisen wichtig. Rhythmische Betätigung, wie Trommeln, Klatschspiele, Reime sind wiederkehrend. Fixe Essenszeiten, Spielzeiten, Gebetszeiten, Meditationszeiten, Arbeitszeiten helfen in einer zeit des Chaos, wieder Halt durch Strukturen zu finden.
  9. Belohnen statt Betrafen: Belohnung wirkt mehr als Bestrafung. Schwenken Sie in Ihrer Erziehung vom Bestrafungs- auf ein Belohnungssystem um. z.B. Wenn ihr Kind 1 Std. lernt, dann baut die Mutter mit ihm 1 Stunde Puzzle. NICHT: “Wenn du nicht lernst, ist das Handy einen Tag weg!”
  10. Ent-Sorgen entsorgt: Nützen Sie die Zeit, um sich von alten Dingen zu befreien oder üben Sie sich im Upcyclen.
  11. Sammeln bringt Sicherheit: Umgekehrt zeigten die Hamsterkäufe, dass Sammeln und Horten das Bedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen scheint. Also wenn Sie das Bedürfnis verspüren, etwas zu sammeln, dann beginnen Sie dieses Hobby. Sammeln Sie Gegenstände aus der Natur, pressen Sie Blütenblätter, sammeln Sie Kräuter,.. und nicht nur Klopapier ;-).
  12. Information bringt bedingt Sicherheit: Hören Sie Radio und schauen Sie fern, aber bitte nicht stündlich! Zappen Sie nicht wahllos durchs Internet, auch wenn das genau das ist, was wir tun, weil es uns offensichtlich Sicherheit gibt.
  13. Medien- und Beschäftigungsfreie Zonen schaffen: Bewusst alles weg und nur dasitzen und atmen und einander Fragen stellen. z.B. Wie denkst du über die aktuelle Situation? Was hilft dir? Was machst du, damit du dich besser fühlst? Was kann ich tun, damit es dir besser geht? Was bringt die Situation Gutes, was glaubst du?
  14. Multitasking vermeiden: Wenn jemand ins Handy schaut, dann sprechen Sie ihn oder sie nicht an. Achten Sie darauf, beim Essen nicht fernzusehen oder ins Handy zu schauen. Multitasking ist in Wahrheit permanente Arbeitsunterbrechung und ungesund.
  15. Hausarbeiten neu aufteilen: Evtl. braucht es einen neuen Haushaltsplan. Fragen Sie Ihre Familienmitglieder, was wer gern macht und was nicht so gern und verteilen Sie diese entsprechend und fair.
  16. Beschäftigungsinhalte finden: Spielen, Tanzen, Malen, Schreiben, Lesen, usw. Da gibt es sicherlich im Internet genug Tipps.
  17. Keine tragweiten Entscheidungen treffen: In einer Krise treffen Sie bitte keine weitreichenden Entscheidungen, etwa ob Sie dieses Jahr noch heiraten werden oder sich scheiden lassen oder ein Kind adoptieren oder Freundschaften kündigen usw. Der Grund, warum ich davon abrate, liegt in den wechselnden Stimmungen und der starken Regression (= Zurückfallen auf kindliche Entwicklungsstufen) in einer Krise. Eine gestrige Entscheidung kann heute schon die falsche sein.
  18. Themen mit Zündstoff aufschieben für die Zeit danach: Auch wenn jetzt so viel Zeit zum Reden ist, wählen Sie die Diskussionsthemen sorgfältig aus und bringen Sie keine kritischen Themen auf den Tisch. Lassen Sie in einer Krise mögliche zusätzliche Belastungsfaktoren weg, dazu gehören auch heikle Themen, wie Kritik an Verhaltensweisen anderer. Sobald jemand damit anfängt, suchen Sie den sicheren Ort auf!
  19. Verzeihen Sie einander: In einer Krise reagieren Menschen oft irrational. Üben Sie, Fehlverhalten zu verzeihen, auch bei sich selbst.
  20. Täglich etwas Humor: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das können wir jetzt nützen. Verordnen Sie sich in der Familie täglich eine Humorstunde.  Z.B. In dieser Stunde liest jedes Mitglied 3 Witze vor, die es vorher in einer App oder im Internet gefunden hat. Danach wird eine halbe Std, Kabarett/Komödie/Sketches auf Youtube geguckt.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen alle eine konfliktfreie oder konfliktarme Zeit mit vielen humorvollen Momenten, sinnvollen Strukturen und wohltuenden Ritualen.

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